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Autonomie- und Bindungsbedürfnisse scheinen zunächst unauflösbare Gegensätze zu sein, doch sie bedingen einander sogar. Entwicklungspsychologisch folgt die Ausbildung unseres Autonomiestrebens unmittelbar auf die Phase, in der unser Bindungsverhalten geprägt wird. Die Bindung zwischen Mutter und Kind wird insbesondere durch die frühe „Bemutterung“ des Neugeborenen gefördert. Die fortwährende Nähe der Mutter schenkt dem Baby ein Gefühl der Sicherheit in einer Welt, die es nicht versteht und der es sich schutzlos ausgeliefert fühlt.

 

Die Sehnsucht nach schützender Geborgenheit in einer symbiotischen Bindung weicht Schritt für Schritt dem ebenso im Menschen angelegten Bedürfnis, die Welt zu erkunden. So wie das Kind im ersten Lebensjahr die Verbundenheit mit der Mutter als überlebensnotwendig erfährt, so erforscht es danach seine Umgebung auf Basis der erworbenen Bindungssicherheit. Daher versichern sich Kleinkinder bei ihren Entdeckungsreisen gerne der Anwesenheit und Aufmerksamkeit der Mutter. Am besten gedeiht unser angeborener Entdeckungs- und Entwicklungsimpuls also auf dem Boden einer sicheren Verbundenheit.

 

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Uns werden jedoch nicht nur Grundbedürfnisse in die Wiege gelegt, sondern auch Grundängste. Ob eher unsere Bedürfnisse oder Ängste gefördert werden, hängt insbesondere von unseren frühen Erfahrungen ab. Ungünstige, vielleicht sogar traumatisch erlebte Ereignisse können die Ängste stärker werden lassen als unsere angeborenen Triebe zur Bedürfnisbefriedigung. Fritz Riemann zählt in seinem bereits im vorigen Abschnitt erwähnten Buch „Grundformen der Angst“ ebenfalls die Angst vor Abhängigkeit und Hingabe (Bindung) sowie die Angst vor Selbstwerdung und Einsamkeit (Autonomie) zu den vier Grundängsten des Menschen. Auch hier überlagen sich also wieder die Sehnsucht nach dem Einen mit der Angst vor dem Entgegengesetzten.

 

Bei den gegensätzlichen Strebungen Autonomie/Bindung (wie auch bei Veränderung/Stabilität) sind unsere Handlungsimpulse und unser Verhalten durch das Zerren von Grundbedürfnissen und Grundängsten in uns oft ambivalent. Von Individuum zu Individuum verschieden und situationsabhängig aktivieren („triggern“) bestimmte Ereignisse entweder eher unsere Impulse zur Bedürfnisbefriedigung oder unsere Ängste.

 

Manche Menschen empfinden diese Ambivalenz weniger stark, da sie durch frühe Prägungen ein einseitiges Autonomie- oder Bindungsstreben entwickelt haben. Für einen auf seine Autonomiebedürfnisse fokussierten Menschen spielen Begriffe wie Selbstverwirklichung und Selbstbewahrung eine große Rolle. Er sondert sich eher ab, um sich nicht durch Bedürfnisse und Ansprüche anderer eingeschränkt bzw. fremdbestimmt zu fühlen. Ein einseitiges Streben nach Unabhängigkeit birgt jedoch die Gefahr der Isolation und damit der Vereinsamung.

 

Der stets Bindungssuchende hingegen schränkt seine Unabhängigkeit gerne ein zur Befriedigung seiner Bedürfnisse nach Zugehörigkeit und Geborgenheit. Ein überbetontes Bindungsverlangen kann jedoch in die Unselbstständigkeit führen. Die Verantwortung für das eigene Leben wird abgegeben und in der Folge besteht die Gefahr, sich in zahlreichen Lebenssituationen als bedürftiges Opfer zu erleben.

 

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In jedem Menschen sind also beide Gegensätze als Grundbedürfnisse angelegt: Geborgenheit und Selbstverwirklichung, die Nähe des Anderen und die Ruhe in sich selbst. Die von Mensch zu Mensch unterschiedliche Balance zwischen Autonomie- und Bindungsstreben zu finden, ist sowohl wichtig für unser inneres Gleichgewicht als auch für befriedigende zwischenmenschliche Beziehungen. Unzweifelhaft haben dabei die Bindungs- und Autonomieerfahrungen unserer ersten Lebensjahre einen nachhaltigen Einfluss auf unsere Erleben und Verhalten - insbesondere in Beziehungen - und damit auf unsere Persönlichkeit.

 

Sollten Sie an weiteren Informationen zu Bindungs- und Autonomiekonflikten in Beziehungen interessiert sein, finden Sie diese auf meiner Website zum Thema Ehekrisen und Paartherapie.

Lache das Leben an, vielleicht lacht es zurück!

(Jean Paul)